Gott und die Welt

Kategorie: Texte
Veröffentlicht am Donnerstag, 12. November 2015 17:11
Geschrieben von Matthias Ströckel
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Texte erschienen anlässlich der Ausstellung: Triennale III „Gott und die Welt“, Kunsthalle Schweinfurt (Linon Medien, 2015) © 2015; Autorin: Dr. Janette Witt

 

Matthias Ströckel, Ex nihilo, 2015

Von hoch oben leuchten sie uns in kühl-weißer Neonschrift entgegen: die fünf lateinischen Worte „creatio ex nihilo nihil fit“. Matthias Ströckel hat hier zwei Aussagen kombiniert, die sich um die Urfrage unseres Daseins drehen: Wie ist die Welt, wie ist alles Sein entstanden?

Der Satz „Ex nihilo nihil fit“ gehört seit dem Griechen Parmenides zu den grundlegenden Positionen der Philosophie und heißt übersetzt „Aus Nichts entsteht Nichts“. Der zweite Satz lautet: „Creatio ex nihilo“ und bedeutet genau das Gegenteil, nämlich: „Schöpfung aus dem Nichts“. Er entstand bereits in der frühchristlichen Theologie, und zwar in Auseinandersetzung mit eben jenem Ansatz der Philosophie. Beide Thesen suchen eine Antwort darauf, was denn vor der Erschaffung der Welt gewesen sei. Wirklich gar nichts, wie es Augustinus und andere christliche Theologen postulieren? Entstand die Welt aus Gott allein? Oder gab es zuvor, wovon die Philosophen ausgehen, ein ungeordnetes Chaos, das durch die Schöpfung geordnet wurde? Da auch Chaos ja etwas „ist“, stehen sich die beiden Positionen unvereinbar gegenüber. In einem Punkt überschneiden sie sich aber doch: im „ex nihilo“, „aus dem Nichts“, das in beiden Sätzen enthalten ist und der Arbeit ihren Titel gab.

Und genau darum geht es Matthias Ströckel – hier und grundsätzlich in seinen Arbeiten: Er setzt Altbekanntes in einen ungewohnten Kontext – in einen „Experimentierzustand“, wie er es nennt – und erschließt dadurch neue Assoziationen. Dass er bei diesem Werk gerade das Medium Neon wählt, bietet zusätzlich Raum für Gedankenspiele: von der verlockenden Leuchtreklame bis zum göttlichen Licht.

 

Matthias Ströckel, Substance and Form, 2015

Es ist eine handelsübliche Balkenwaage aus Messing, die hier von der Decke hängt. In der linken Waagschale liegen unterschiedlich große Glaskolben von Sanduhren. Sie sind leer. Matthias Ströckel hat jede einzelne aufgebohrt und mit dem Sand die andere Waagschale gefüllt. Indem der Künstler die Sanduhren in ihre Bestandteile zerlegt und sie mit der Waage in einen neuen Zusammenhang stellt, erschließt er neue Gedankenwege.

Schauen wir uns zunächst die Materialien an, mit denen Matthias Ströckel arbeitet. Wie bei ihm üblich, sind es ganz alltägliche Dinge: hier eben Waage und Sanduhr. Beide sind Messinstrumente. Die Waage misst reale, greifbare Dinge, die Sanduhr misst Zeit und wird daher auch Stundenuhr genannt. Als Instrument ist die Sanduhr hier zwar unbrauchbar geworden – doch sie funktioniert noch auf einer anderen Ebene: als Sinnbild. Mit ihrem unaufhaltsam verrinnenden Sand ist die Stundenuhr seit dem Mittelalter ein Zeichen der Vanitas, für die Vergänglichkeit allen Seins. Auch die Waage ist ein Symbol: Sie steht für Gerechtigkeit.

Den Titel setzt Ströckel in Englisch, weil das noch mehr Interpretationsspielraum bietet: „Substance and Form“ bedeutet zunächst soviel wie „Inhalt und Form“, was sich zum einen auf das Inhaltliche, also die dahinter stehende Idee, und auf das äußere Erscheinungsbild beziehen kann. „Substance“ kann aber auch mit Stoff, Wahrheitsgehalt oder Wesenheit übersetzt werden und „Form“ mit Gestaltung und Zustandsform. Auch Altbekanntes nicht einfach hinnehmen, Dinge immer wieder anders und neu entdecken, dazu regen die Arbeiten von Matthias Ströckel an.

 

Matthias Ströckel, „Und sie dreht sich doch!“, 2013

Der Fokus liegt wieder auf einem alltäglichen Gegenstand, der zugleich einen hohen Symbolgehalt hat: eine Kerze. Sie steht für Wärme und Licht, ist aber auch ein Symbol der verrinnenden Zeit und – da leicht auszulöschen – für die Ungewissheit des Lebens.

Die Kerze wackelt ein wenig, ihre Flamme flackert wie aufgeregt hin und her. Und was sind das für Funken, die da zur Seite sprühen? Bewegt sie sich etwa? Tatsächlich dreht sich die Kerze in hoher Geschwindigkeit um sich selbst – so lange, bis sie ganz abgebrannt ist und erlischt. Es ist flüssiges Wachs, das heftig in alle Richtungen spritzt. Bis der Docht zum letzten Mal aufglimmt und völlige Dunkelheit herrscht, dauert es nur 12 Minuten. Vor dem dunklen Hintergrund hat die brennende Kerze etwas fast Sakrales. Dass es ein darunter montierter Akkuschrauber ist, also etwas ganz Banales, der sie auf höchster Geschwindigkeit zum Rotieren bringt, bricht die pathetische Stimmung bewusst.

Sie bewegt sich also, die Kerze. Daher auch der Titel „Und sie dreht sich doch!“. Matthias Ströckel greift dabei auf ein berühmtes Zitat von Galileo Galilei zurück. Der italienische Mathematiker und Astronom wurde von der Kirche gezwungen, seiner heliozentrischen Lehre abzuschwören – also dass die Erde sich um die Sonne bewegt. Das tat er zwar. Aber er widerrief es für sich, indem er eben jenen Satz sprach. Oder doch nicht? Wer weiß. Es ist nur eine Legende.

 

Dr. Janette Witt