Materia Prima Text

Kategorie: Texte
Veröffentlicht am Samstag, 22. Juni 2019 13:58
Geschrieben von Matthias Ströckel
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Texte erschienen anlässlich der Ausstellung: "Erinnerung - Abbild - Form", Kunstverein Passau © 2019; Autor und Kurator: Stefan Meisl

Matthias Ströckel, "Materie Prima", 2019

Matthias Ströckel aus Nürnberg greift mit seiner Arbeit "Materia Prima" im Innenhof ein Detail aus Albrecht Dürers berühmten Kupferstich "Melancholia I" aus dem Jahr 1514 auf.

Ein darin auffällig ins Bild gesetzter steinerner Polyeder wurde von Ströckel in dreifacher Ausführung aus feuerverzinkten Stahlgittern nachgebaut, wie sie üblicherweise für Steingabionen verwendet werden.

In der kunstgeschichtlichen Forschung wurde Dürers Polyeder verschiedentlich gedeutet. Womöglich drückt sich darin der Gedanke aus, dass der Künstler dank seiner individuellen Erfindungsgabe in der Lage ist, die Natur zu erkennen, logisch zu ordnen und völlig neue Ergebnisse zu kreieren.

Hier könnte man an die Arbeit von Matthias Ströckel anknüpfen. Der Titel „Materia Prima“ ist ein lateinischer Terminus, der „erste Materie“ bedeutet und auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurückgeht. Er sah in ihr die Grundbedingung für die Existenz aller materiellen Dinge. Die Suche nach einer solchen "Ursubstanz" führte in den empirischen Naturwissenschaften zu der Erkenntnis, dass sämtliche Formen und Eigenschaften der makroskopischen Welt letztlich auf einer begrenzten Anzahl chemischer Grundelemente basieren. Ströckels Polyeder lassen an stark vergrößerte Atomgitter denken, die zu unterschiedlichen Strukturen kombiniert werden können. In ihrer jetzigen Anordnung, als Einzelobjekt aufeinander gestapelt, scheinen sie je nach Betrachterstandpunkt ihre Form zu verändern und offenbaren eine überraschende Dynamik.